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LebensKunst: Die 3 Orfatis


Es begann im Turnverein

Die Geschichte der 3 ORFATIS aus meiner Sicht, zusammengetragen aus Erzählungen meines Vaters, seinen Kollegen, Zeitungsberichten und meiner Erinnerung.


Geboren wurde mein Papa, dieses Wort ist mit lieber, als das Wort „Vater“ (ich finde es klingt so streng) am 06. November 1907 als mittleres von 3 Kindern in Pforzheim. Über seine frühe Kindheit ist mir wenig bekannt, außer das er sich standhaft weigerte zu sprechen. Aus nicht bekannter Quelle wurde überliefert, sein erstes Wort sei „Decksau“ gewesen (sollte wohl Drecksau heißen), als eine nervige Nachbarin auf ihn, der friedlich spielend auf dem Hof seines Elternhauses in der Calwer Straße saß, einredete: „Arthürle, sag doch emol was, Arthürle, kansch net schwätze....“, Arthürle war aber schon damals die Ruhe selbst und brachte die Nachbarin mit dem bereits beschriebenen nicht ganz stubenreinen Ausdruck zum schweigen.

Als 1914 der erste Weltkrieg ausbrach, ersetzte mein Papa den „Mann im Hause“. Meine Großmutter, die Köchin von Beruf war, teilte das Los so vieler Frauen ihrer Zeit, der Mann war im Feld und Frau und Kinder hatten die „Heimatfront zu stärken.“
 
   
Als der Krieg 1918 endete, war mein Großvater gefallen, und meine Großmutter war mit 2 Töchtern und einem Sohn alleine. Schon früh hatte mein Papa die Liebe zum turnen entdeckt. Schon während seiner Schulzeit besuchte er einen Turnverein, es gab nicht viel, was man, in diesem Falle Kind, in seiner knapp bemessenen Freizeit tun konnte und die „Körperertüchtigung“ auf den Spuren Turnvater Jahns machte ihm Freude.

Nach der Schule machte er eine Lehre zum Goldschmied und besuchte die Kunst- und Werkschule (heute Fachhochschule für Gestaltung), denn er hatte noch eine zweite Leidenschaft: die Malerei. Im Turnverein tat er sich mit zwei Freunden zusammen, die seine Leidenschaft teilten. Kaum als Geselle aus der Lehre entlassen hielt ihn und die beiden andern nichts mehr. Sie wollten Artisten werden.


Wir schreiben das Jahr 1925.

Ihre ersten Erfahrungen machten sie auf der Straße, „Arena arbeiten“ hieß das, heute würde man es „Straßentheater“ nennen.
1930, das erste große Engagement. Der berühmte Zirkus RENZ nahm die 3 Pforzheimer für eine Saison in sein Programm auf. Ihre Spezialität war die Equibrilistik (Parterre-Akrobatik).

Jetzt hatten sie auch einen Namen: aus Arthur Pfrommer, Reinhold Saalmüller und Kurt Wolf wurden die

3 ORFATIS

Weitere Engagements folgten und der Stern der ORFATIS ging am Zirkus- und Varietehimmel auf. Sie waren erfolgreich und sie hatten einen Namen.

Auftritte folgten unter anderem in der Manege des Circus Althoff. Die Karriere wurde dadurch etwas erleichtert, dass das Variete eine damals zeitgemäße und beliebte Unterhaltungsform war. Fernsehen gab es noch nicht und so lockten die ORFATIS Tausende ins Variete.

Einen ihrer größten Erfolge erlebten sie noch vor dem 2.Weltkrieg in der Scala/Berlin, wo sie zusammen mit den berühmten Comedian Harmonists aufgetreten sind. Das war 1937.

Zwei Jahre später durchkreuzte der Krieg alle Pläne der drei Akrobaten. Sie mussten als Soldaten nach Norwegen, wo sie allerdings bald die Uniform ausziehen durften, um ihrem angestammten Metier nachzugehen. Zu der Zeit hieß das Fronttheater.
 

Die Orfatis bei FRANZ ALTHOFF, SAISON 1949

Orfatis um 1930
 
 
Orfatis bei Althoff

Nach dem Krieg ging es bald wieder aufwärts. Die 3 ORFATIS waren mit bei den ersten Künstlern, die ins Ausland reisen durften. 1949 gastierten sie eine Saison lang im Circus Franz Althoff.

   
Circus Franz Althoff
   


Tower Circus - Blackpool UK

1950 hatten die ORFATIS das erste Engagement in England. In der Saison 1954/55 gewannen sie im Tower Circus in Blackpool die Goldmedaille der internationalen Artistenparade.

Tower Circus Blackpool, Programm

Orfatis
   

 

Im Olympia in Paris oder Friedrichstadt-Palast in Berlin standen große Bühnenpersönlichkeiten an ihrer Seite.
 
Vico Torriani,
Bruce Low,
Claire Waldorf,
Willy Reichert und nicht zu vergessen Caterina Valente
und Silvio Francesco.

In den 60er Jahren:
Roy Black,
Roberto Blanco,
Heinz Schenk....
um nur einige zu nennen.

Abgerundet wurde der Erfolg des Trios durch Fernsehauftritte, die bereits in den 50er Jahren stattfanden.

"Gelernt ist gelernt", "Ohne Netz und doppelten Boden", später folgten dann Gastauftritte im "Blauen Bock" und "Berliner Bilderbogen".
Auch im italienischen Fernsehen waren die ORFATIS oft vertreten.

 

  Orfatis
Als sie GROCK, der "König aller Clowns" gesehen hatte, sagte er, er wisse nun, dass Kunst von Können komme. Nicht nur die Akrobatik war ihre starke Seite, die ORFATIS legten sich auch als "DICK, ARTHUR und BILLY" eine komische Nummer zu. Bis sich die Künstler 1975 vom aktiven Bühnenleben verabschiedeten, waren sie Stars in sämtlichen Varietés Europas.

- Andrea Lutz -


 
3 Orfatis "Die drei Orfatis sind Equilibristen von Weltklasse, junge, kraftstrotzende, ebenmäßig gebaute Männer in indischen Kostümen", warb einer ihrer Agenten. Bis Anfang der 70er Jahre, 1939-45 mal ausgenommen, wurden sie als "Könige des internationalen Varietés" in ganz Europa umjubelt.

"Den 3 Orfatis herzlichen Dank und ganz besondere Anerkennung für die gezeigten glänzenden artistischen Leistungen", schrieb der Generalmajor der am norwegischen Moldefjord stationierten 295. Infanterie-Division im April 1944 auf die Rückseite einer Zeichnung. Die 3 Orfatis, im besetzten Norwegen zur Truppenbetreuung auf Achse, hatten auch eine komische Nummer im Repertoire, die ein Batterie-Chef an Silvester 1944/45 und noch kurz vor der Kapitulation mit Tusche und Pinsel und in bayerischem Idiom ("Ihr habt uns viel G'spaß g'macht") festhielt.

- Olaf Schulze -

 

weitere Bilder der Orfatis ->

    ©andrea lutz 1999 - 2006