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Frau am Meer
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Geschichten - Die Ratte - Ehrwürdige Schwester


Die Ratte

Sie war 10 Jahre alt und eine echte, lebende Ratte hatte sie noch nie gesehen. Im Fernsehen und in Büchern – ja, aber in Natura? Sie hatte mal gelesen, Ratten seien intelligente Tiere, das war’s.

Es war sehr heiß in diesem Juni. Hinter der Küche des von Franziskanerinnen geführten Mädchenheimes roch es nach Abfällen. Das war ganz normal bei dieser Hitze. Kartoffelschalen, Obst- und Gemüsereste stanken zum Himmel.
 

 
 
18:00 Uhr, das Angelus-Läuten hallte über den Hof – aber da war noch irgendwas anderes, ein Geräusch, das mit dem Läuten der Glocke nichts zu tun hatte und das noch lauter und deutlicher wurde, als der letzte Glockenschlag verklungen war. Ein Kind schreit, ja, genauso hörte es sich an.

Poltern und Schreie, Schreie und poltern. Schreie die immer entsetzlicher wurden, die Gänsehaut erzeugten. So hört sich der Tod an.

Und ein dumpfes Stampfen und im Hintergrund.

Waren es nur Minuten? - Es kam ihr wie eine Ewigkeit vor. Da ging das Schreien in wimmern über, dann hörte man nur noch das Stampfen.

Und dann war Ruhe.

Sie hatten eine Ratte entdeckt. Eine Ratte, die angezogen vom Geruch der Abfälle in eine der Tonnen gefallen war. Die Küchenschwester hatte sie entdeckt. Das Tier war gefangen, es gab kein Entrinnen.

Zu viert standen die Nonnen um die Tonne herum. Sie wussten sich nicht anders zu helfen, als das Tier mit Besen und einer Mistgabel zu erschlagen.

Franz von Assisi, Schutzpatron aller Tiere: „Ein jedes Wesen in Bedrängnis hat gleiche Rechte auf Schutz.“

(aus "Heimsuchung" - Andrea Lutz - 2002)
 

 

Ehrwürdige Schwester

 
Sie saß in die Ecke des Klassenzimmers gedrückt auf dem Boden. Die Hände hielt sie schützend über den Kopf. Das verhinderte jedoch nicht, das bei jedem Schlag entweder doch der Kopf, oder die Knöchel der Hände getroffen wurden. Schnell platzte die Haut auf und das Blut vermischte sich mit den Tränen des Mädchens, hellrot gefärbt rannen sie herunter und hinterließen hässliche Flecken auf der gestreiften Bluse.

Wieder und wieder holte die Schwester aus und schlug mit dem sonst an der Seite ihrer Kutte hängenden schweren Rosenkranz auf das Kind ein.

„Du wagst es nicht noch einmal zu stehlen, du nicht.“

„Ich habe nicht gestohlen, das war mein Paket, das haben meine Eltern mir geschickt.“

„Das ist noch lange kein Grund, es einfach zu öffnen.“

„Aber es gehört mir!“

„Dir gehört gar nichts, hörst du: Nichts, nichts gehört dir! Ich werde dich das Teilen lehren!“

„Aber ich habe doch nur ein paar Kekse genommen.“

„Was du genommen hast ist egal, der Herr sieht alles, auch was du gestohlen hast!“

Zur Bekräftigung ihrer Worte holte sie wieder und wieder aus und das schwere Metallkreuz des Rosenkranzes riss ein Büschel Haare von der Kopfhaut des Mädchens.

Dann endlich hörte sie auf und riss das Kind am Arm in die Höhe. Sie zog es hinter sich her, bis zum obersten Stock, in dem sich die Schlaf- und Waschräume befanden. „Du wäschst dir jetzt das Gesicht und zur Strafe wirst du am Abendessen nicht teilnehmen. Ich will dich erst wieder zur Abendandacht in der Kapelle sehen.“

Die Tür schloss sich hinter der Schwester und unhörbar, wie ein schwarzer Schatten war sie verschwunden.

(aus "Heimsuchung" - Andrea Lutz - 2002)
 
 

Nicht alle meine Geschichten sind autobiografisch - auch wenn sie (teilweise) in der Ich-Form geschrieben sind.

Ich freue mich natürlich sehr, wenn Euch meine "Schreibe" gefällt. Und ganz besonders freue ich mich, wenn Ihr einen kurzen Kommentar dazu in meinem Gästebuch hinterlasst.

©andrea lutz 1999 - 2006